10 Jahre Neue Wege – 10 Jahre spezialisierte Beratung

bei Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch von Kindern

 

 

1. Zur Geschichte

 

1.1. Vorgeschichte

 

Vor zehn Jahren war der sexuelle Missbrauch von Kindern ein Thema, das allerorten zu erregten Debatten führte. Erwachsene Frauen hatten Jahre zuvor angefangen, über ihre Kindheitserfahrungen zu reden und an vielen Orten wurden Wege gesucht, Kinder vor solchen Erfahrungen zu schützen oder ihnen wenigstens im Nachhinein zu helfen. In Bochum hatten sich Fachfrauen zur Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch zusammengeschlossen und viele Einrichtungen überprüften ihr Angebot im Hinblick auf sexuell missbrauchte und misshandelte Kinder.

 

In dieser Phase setzten sich der inzwischen verstorbene Leiter der Kinderklinik Prof. Dr. Mietens mit dem damaligen Leiter des Jugendamtes Dr. Fred Krause zusammen, um den Bedarf in Bochum zu besprechen. In der Kinderklinik herrschte häufig Handlungsunsicherheit bei Verdacht auf Misshandlung und sexuellen Missbrauch, wenn die medizinische Behandlung abgeschlossen war. Im sozialen Dienst des Jugendamtes ergab eine interne Umfrage ebenfalls große Unsicherheit und Unzufriedenheit mit den eigenen Handlungsmöglichkeiten.

 

Eine Beratungsstelle entsteht aber nicht einfach nach so einem Gespräch.

Eine erste Konzeption und die Tischvorlage für den Jugendhilfeausschuss erarbeiteten der Diplom-Pädagoge Hans Küpper, damals Mitarbeiter beim Jugendamt, die vorübergehende Leiterin der Kinderklinik Frau Dr. Gisela Sperling, der Psychologe Helmut Neumann sowie der Sozialarbeiterin Almut Schlör. Die Entscheidung des Jugendhilfeausschusses fiel für die Einrichtung einer Spezialberatungsstelle bei einem Träger, der bereits Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat. Caritasdirektor Josef Ernesti ließ sich begeistern, machte sich kundig und gemeinsam wurde schließlich entschieden, dass eine ärztliche Beratungsstelle entstehen sollte nach den Vorbildern der ärztlichen Beratungsstellen Düsseldorf und Datteln, d.h. eine Beratungsstelle für den gesamten Bereich der Gewalt gegen Kinder: Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch. Ein Vertrag zwischen dem Caritasverband für Bochum e.V., der kindermedizinischen Abteilung des Josef-Hospitals und dem Jugendamt der Stadt Bochum besiegelte diese Entscheidung und regelte die Formalien.

 

Innerhalb der Caritas begleitete Frau Adelheid Schenk den Aufbau der Beratungsstelle. In weitere konzeptionelle Vorüberlegungen wurden die evangelische Fachhochschule durch Prof. Dr. Drunkenmölle, sowie die Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch und Wildwasser einbezogen. Von der ersten Planung bis zum Vertrag und zur Einstellung der MitarbeiterInnen war gerade ein Jahr vergangen, wie ich heute weiss, eine unglaublich kurze Zeit. Die Beratungsstelle war offensichtlich von allen Beteiligten wirklich gewollt.

Wir möchten an dieser Stelle den hier genannten Personen noch einmal ausdrücklich für ihren Einsatz und die Bereitschaft, die immer riskante Entscheidung zur Gründung einer neuen Beratungsstelle zu fällen, von ganzem Herzen danken. Die Entwicklung der Beratungsstelle zeigt, dass sie mit ihren Überlegungen richtig lagen.

 

 

1.2. Der Start

       Ruth Klein-Funke, Mitarbeiterin der ersten Stunde

 

„Weißt du noch?“...

Oder soll ich anfangen „es war einmal,“ ...oder „es trug sich zu, dass nach ca. einjähriger Schwangerschaft am 01.09.1998 die Beratungsstelle Neue Wege geboren wurde...?“

 

Mit der „Schwangerschaft“ hatte ich weniger zu tun. Einbezogen wurde ich erst im „Geburtsvorbereitungskurs“ im sogenannten Kasino des Krankenhauses. (Hier konnte ich als erstes lernen nämlich, dass es Kasinos gibt, in denen keine Jetons geschoben werden.) Dort saßen ca. 25 bis 30 mir durchweg fremde Leute, die von mir wissen wollten, wer ich war und was ich als Mitarbeiterin der zukünftigen Kinderschutzambulanz so vor hatte. Na toll. Diese Runde hatte ich mir für meine ersten Atemübungen doch wesentlich kleiner vorgestellt. Glücklicherweise hatte ich noch zwei „Leidensgenossen“. Ludger Thiesmeier, Sozialarbeiter und Gisela Schulz, die als Psychologin die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte.

 

Die ersten Monate gestalteten sich sehr turbulent.

Wir hatten die Aufgabe, die Beratungsstelle bekannt zu machen und uns in allen relevanten Einrichtungen vorzustellen. Die Reaktionen reichten von großem Interesse und Bereitschaft zur Zusammenarbeit über Skepsis und Misstrauen bis zum totalen Desinteresse. Bei einigen konnten wir durch reale Zusammenarbeit schließlich das Vertrauen gewinnen, bei anderen gibt es bis heute keinen gemeinsamen „Fall“.

 

Aber bleiben wir doch bei dem neuen „Kind“ der Stadt Bochum. Wenn ein neues Kind geboren wird, müssen auch die Räume verändert werden. Und so hatten wir die Aufgabe, einige der noch sehr karg bestückten Räume einzurichten und unsere Vorstellungen mit denen des Caritasverbandes abzustimmen. Eine Besonderheit des Caritasverbandes haben wir dann bei unserer Einweihungsfeier kennen gelernt, die mit Liebe zubereiteten Kanapees aus der Küche von Frau Wiesner. Die Eröffnungsfeier war gut besucht. Nicht zuletzt vielleicht auch deshalb, weil viele namhafte Leute, wie z. B. Minister Heinemann in der ersten Reihe saßen (wir saßen in der zweiten).

 

Da die Beratungsstelle schon lange angekündigt war, ging die Arbeit sofort nach der Einweihungsfeier los. Damals gab es, wie ich schon erwähnte, zu wenige Professionelle, die sich im Umgang mit sexuellem Missbrauch sicher fühlten. Auch ich konnte in der Arbeit mitsexuell missbrauchten Kindern sehr schnell feststellen, was ich alles noch nicht wusste. Meine Berufstätigkeit als Erzieherin im Kindergarten war mir eine große Hilfe. Trotzdem zeigten mir dreijährige kleine Mädchen, die von ihrem Vater missbraucht worden waren, meine Grenzen auf. Geschickt und sehr sicher ließ mich die kleine Jaqueline mit meinen Erzieherinnenerfahrungen und „Tricks“, Bilderbüchern und Rollenspielen auflaufen. Denn sie hatte sich entschieden, nicht hier und mir, sondern einer Tante zu Hause alles zu erzählen. In der Beratungsstunde hörte sie sich an, was ich mit ihr spielte, erzählte etc., doch das Resümee meiner Arbeit konnte ich leider selber nicht hören.

 

Was kein noch so gutes Buch vermitteln konnte, lernte ich durch den damals 10-jährigen Sven: die Angst vor dem Täter. Wenn Sven schilderte wie der Täter – sein langjähriger Fußballtrainer, Babysitter, Computerlehrer, Nachhilfelehrer, Freizeitbetreuer... – ihn töten würde, weil er ihn als Zeugen ausschalten wollte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Die Angst wurde im Raum spürbar. Mit dieser Angst musste der Junge zwei Jahre (bis zur Verhandlung) leben. Dann konnte er hören, wie der Richter den Täter bemitleidete, der ach so lange das Damoklesschwert der Verhandlung über sich hängen gehabt hatte, ohne zu wissen, wie diese enden würde.

 

Besonders durch diesen „verurteilten“ Täter ist mir damals deutlich geworden, welche Macht und welchen Einfluss TäterInnen haben. Kinder – egal welchen Alters – haben fast keine Wahl, wenn es darum geht, das „schlechte Geheimnis“ zu erzählen oder nicht. Um – aus der Sichtweise des Opfers – wirklich sicher zu sein vor den Repressalien eines Täters, kann dieses Kind eigentlich nur schweigen. Heute weiß ich, dass ich in dieser ersten Zeit wider besseren Wissen gehofft habe: Wenn die Kinder merken, wie nett die Frau Klein ist und wie „toll“ sie helfen kann, dann werden sie sich schon vertrauensvoll an mich wenden. Manchmal ist es halt doch gut, dass man nicht weiß, was man nicht weiß. Andererseits hätte ich auch niemandem geglaubt, dass es wirklich so schwer ist, betroffenen Kindern und Jungendlichen glaubhaft zu machen, dass es noch andere, bessere und Neue Wege gibt, um sich zu helfen.

 

Vielleicht auch aus diesem Grund sind wir mit einer sehr positiven Einstellung, sehr viel Eifer und Zuversicht an unsere Arbeit heran gegangen. Im ersten Jahr hatte die Klärung von Verdacht auf sexuellen Missbrauch einen sehr hohen zeitlichen Stellenwert. Hier konnten wir vielen Kindern helfen, und es wurde uns deutlich, wie sinnvoll unsere Arbeit ist.

 

Gut kann ich mich auch noch an unseren ersten jugendlichen Täter erinnern. Heinz, 15 Jahre, hatte in der Schule ein gleichaltriges, aber geistig behindertes, Mädchen versucht zu vergewaltigen. Stolz bin ich darauf, dass wir damals schon die ganze Verantwortung für die Tat bei dem Jungen gelassen haben. Nie hätten wir zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass die Täterarbeit ein solches Ausmaß und Bedeutung in unserer Einrichtung einmal haben würde.

 

Zu jener Zeit, waren wir noch im Eingangsbereich der Kinderklinik untergebracht. Durch unsere Nähe zu Psychiatrie wurden wir einige Male auch mit dieser verwechselt. An einem Nachmittag war ich allein in der Beratungsstelle und tippte mühsam mit meinem Zwei-Finger-System einen Bericht in die Schreibmaschine. Es öffnete sich die Tür und ein alkoholisierter, junger Mann trat in die Einrichtung und bestand darauf, dass ich dem Leiter der Psychiatrie klar mache, dass er auf jeden Fall einen Entzug haben will. Er würde sich weigern den Raum zu verlassen, wenn ich nicht sofort meine Fähigkeiten in Überzeugungsarbeit am Leiter der Psychiatrie demonstrieren würde. In diesem Moment kam ich mir doch sehr einsam vor in meinem Schreibbüro und wünschte mir einen roten Knopf unter der Schreibtischplatte zum Alarmieren des leider nicht vorhanden Sicherheitsdienstes. Nach ca. einer Dreiviertelstunde harter Arbeit habe ich es dann geschafft, den jungen Mann davon zu überzeugen, dass ich keine gute Verbindung zur Psychiatrie besäße. Der junge Mann verließ mit Tasche und ohne Sicherheitsdienst unsere Einrichtung.

 

Das erste Jahr ging sehr schnell vorüber. Das Kind lernte laufen und verselbständigte sich. Leider muss ich gestehen, dass wir den ersten Geburtstag unseres Kinder fast vergessen hätten, wenn nicht Frau Schenk, die uns insbesondere in diesem ersten Jahr, mit sehr viel Aufmerksamkeit und Zuwendung begleitete, uns zu diesem „Jubiläum“ eine kleine Rose überreicht hätte.

 

Ich bin zwar nicht die „leibliche Mutter“ der Beratungsstelle, möchte jedoch als eine der „Ziehmütter“ den MitarbeiterInnen des Caritasverbandes, insbesondere Frau Schenk und Prälat Ernesti, für die Unterstützung danken. Dank sagen möchte ich auch den MitarbeiterInnen der vielen anderen Beratungsstellen, die uns mit ihrem Vertrauen in unsere Arbeit viel Motivation geschenkt haben, sowie den PraktikantInnen, die mich mit ihren Protokollen aus meinen Aktenbergen gerettet haben.

 

Besonderen Dank – und dann ist auch wirklich Schluss – gilt meinen damaligen Kollegen, die mich mit ihrem Wissen und vor allem mit ihrem Humor begleitet haben. Und da muss ich nun doch noch die Geschichte von dem Neurologen aus dem Josef-Hospital einflechten, der weder meinen Kollegen Ludger Thiesmeier, noch unsere Einrichtung, sondern nur mich aus der Kantine kannte. Der hatte nämlich einem sehr besorgtem, streng religiösem Vater erzählt – keiner wusste darum – Ludger sei mit dessen Tochter im Park spazieren gewesen. Ludger hingegen kannte weder Tochter noch Vater. Der Vater wiederum war sehr erbost darüber und wollte Ludger zur Rechenschaft ziehen. Deutlich hatte er dem Neurologen jedoch nicht gemacht, wie das auszusehen habe. Da dieser ärztliche Kollege nun doch besorgt um Ludgers Leib und Leben war, sah er es als notwendig an, zumindest mir diese Geschichte zu erzählen. Wir – Gisela Schulz und ich – waren wild entschlossen, uns schützend vor Ludger zu werfen, falls der messerstechende Vater auf unseren Lieblingskollegen losgehen würde.

 

Nie konnten wir unseren Tatendrang unter Beweis stellen. Der neurologische Kollege war bald darauf nicht mehr gesehen und Ludger Thiesmeier ist immer noch – und das seit mindestens acht Jahren – wohlauf.

 

 

2. Entwicklung/ Veränderungen

 

Gegründet als Beratungsstelle gegen Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch, zeigte sich der sexuelle Missbrauch von Anfang an als das dominante Thema. Selbstverständlich wurden und werden Kinder und Jugendliche beraten und behandelt, die misshandelt und/oder vernachlässigt wurden. Eltern, die ihre Kinder nicht mehr schlagen wollen, bekommen Hilfe, einen angemessenen Umgang mit kindlichem Fehlverhalten und der eigenen Gereiztheit, Hilflosigkeit oder Wut zu lernen. Aber die Mehrzahl der Anfragen bezog sich immer auf sexuellen Missbrauch. Vernachlässigung als einziger Anmeldegrund kam praktisch überhaupt nicht vor, nur in Kombination mit Misshandlung und/oder sexuellem Missbrauch. Letzteres erklärt sich sicher dadurch, dass die Beratung freiwillig ist und die Menschen zu uns kommen müssen. Das ist bei vernachlässigenden Eltern nicht zu erwarten. Die aufsuchende Arbeit liegt aber in der Verantwortung des Jugendamtes.

Misshandlung und Vernachlässigung könnten sicher mehr Thema werden, wenn wir mehr Öffentlichkeitsarbeit dafür machen würden. Aber da wir ständig an den Grenzen unserer Möglichkeiten arbeiten, fehlen zur Zeit dafür die Kapazitäten. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass das Problem der körperlichen Gewalt gegen Kinder das der sexuellen Gewalt um ein Vielfaches übersteigt und dringend stärker Thema werden muss. Vielleicht ergeben sich im Rahmen der Aktionen der Bundesregierung für eine gewaltfreie Erziehung neue Handlungsmöglichkeiten.

 

 

2.1. MitarbeiterInnen

Insgesamt 12 MitarbeiterInnen arbeiteten in den vergangenen 10 Jahren bei Neue Wege:

Im Gründungsteam

Gisela Schulz (Dipl.-Psychologin, Leiterin), Ruth Klein-Funke (Heilpädagogin) und Ludger Thiesmeier (Dipl.-Sozialarbeiter),

in den Folgejahren

Monika Bormann (Dipl.-Psychologin, Leiterin), Regina Winkler (Dipl.-Heilpädagogin), Christa Weinz (Sekretärin), Guido Hunger (Dipl.-Sozialarbeiter), Werner Meyer-Deters (Dipl.-Sozialpädagoge), Reinhold Munding (Sexualpädagoge), Stefan Waschlewski (Dipl.-Psychologe), Elke Schüning (Sekretärin), Andreas Gehring (Dipl.-Sozialarbeiter).

 

Die Anzahl an Wochenstunden waren in den ersten drei Jahren drei volle Stellen. In den Folgejahren verteilte sich die Arbeit auf verschiedene Teilzeitstellen. Aktuell sind es vier halbe Stellen und eine 2/3-Stelle in der Opferarbeit und drei halbe Stellen in der Täterarbeit, zuzüglich 20 und 10 Stunden Sekretärin.

 

 

2.2. Fallzahlen

 

Von 185 Anmeldungen 1992 stiegen die Fallzahlen kontinuierlich auf 287 im Jahr 2000. Zusätzlich gab es 75 Anfragen und Behandlungen im Projekt zur Rückfallvorbeugung bei jugendlichen sexuellen Misshandlern, also insgesamt 362 Fälle, davon 245 Neuanmeldungen.

Während im ersten Jahr 38% der Anfragen zu länger dauernden Beratungen und Behandlungen (gezählt ab 4 Terminen) führte, stieg dieser Anteil in den Folgejahren auf etwa 50% (gezählt ab 6 Terminen). Daher muss bei der Einschätzung des Arbeitsaufwandes des Beratungsstelle zur steigenden Fallzahl die gestiegene zeitliche Belastung pro Fall berücksichtigt werden. Dies, obwohl die Psychologin nur noch mit 30 Wochenstunden arbeitet und in den letzten drei Jahren ein Mitarbeiter des Stammteams mit ca. 20 Stunden wöchentlich in der Täterarbeit war, die Anzahl der MitarbeiterInnen in der ursprünglichen Beratungsstelle sich also faktisch um 30 Wochenstunden verringert hat. Ab November 2001 finanziert die Stadt Bochum die Arbeit mit den minderjährigen Tätern zusätzlich zur Opferberatung mit einer halben Stelle, so dass die ursprüngliche Zahl an Arbeitsstunden fast wieder erreicht ist.

 

 

 

3. Herausforderungen

 

3.1. Gegen die Zerstörungskraft der Gewalt -

        für Vertrauen und Glaubwürdigkeit

 

Gewalt spaltet und zerstört. Und das bezieht sich keineswegs nur auf die direkten Opfer. Als erstes zerstört sie das Vertrauen. Die ersten Jahre der Arbeit gegen sexuellen Missbrauch von Kindern waren geprägt durch Misstrauen. Es wurde ein erschreckender Kampf um die „reine Lehre“ geführt, ein argwöhnische Beäugen dessen, was der Kollege, die Kollegin tut, erst recht die andere Institution. Am Anfang kämpften Fachfrauen dafür, dass sexuell missbrauchten Frauen und Kindern die ihnen angemessene Behandlung ohne die verbreiteten Mythen und Vorurteile, die letztlich doch wieder den Opfern die Schuld zuwiesen, angeboten wurde. Jede herablassende, nicht ernst nehmende Behandlung wurde erbittert an den Pranger gestellt. Dann änderte sich das Thema der Auseinandersetzung mit der Debatte um den Missbrauch mit dem Missbrauch und die Suggestibilität von Kindern. Es ging nicht mehr um die Frage der richtigen Hilfe, sondern darum, ob überhaupt sexueller Missbrauch stattgefunden hat und ob er wirklich ein Problem für unsere Gesellschaft darstellt. Grundthese war, wenn Frauen oder HelferInnen den Kindern nicht so einen Blödsinn einreden würden, hätten wir das Problem nicht. Die erste große Herausforderung der Beratungsstelle war es daher, in diesen Spannungsfeldern handlungsfähig zu werden und zu bleiben.

Ein wesentlicher Schritt dazu war die Vernetzung mit den anderen Fachleuten der psychosozialen Arbeit. Besonders hervorzuheben ist dabei die intensive Mitarbeit in der Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch an Kindern (s.u.). Durch Offenlegen der jeweiligen Arbeitsweise und den gemeinsamen Kampf um die Verbesserung der Situation der betroffenen Kinder wuchs das Vertrauen ineinander und damit die Kooperationsfähigkeit. Da in der Regel mehrere Institutionen bei einem „Fall“ beteiligt sind, sind Absprachemöglichkeiten und Vertrauen die notwendige Voraussetzung gegen die der Gewalt innewohnende Spaltungskraft.

 

Neben der Vernetzung im psychosozialen Bereich wurde von Anfang an der Kontakt zur Polizei und zu den Gerichten gesucht. Die Gespräche mit den Kindern wurden auf Video aufgezeichnet, um sie überprüfbar zu machen. Außerdem bieten wir die Möglichkeit, unsere Arbeit mit den Kindern direkt über die Einwegscheibe zu verfolgen. Leider wurde dieses Angebot zur Offenheit nur begrenzt angenommen. Während wir inzwischen mit dem Kriminalkommissariat 12 eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit pflegen trotz der unterschiedlichen Ziele und Handlungsrahmen, ist das Misstrauen bei einzelnen Richtern und Richterinnen doch noch recht groß. Und da es psychologische Sachverständige gibt, die uns suggestives, unfachliches Arbeiten bescheinigen, ohne überhaupt mit uns Kontakt aufgenommen zu haben, oder tatsächlich geführte Gespräche völlig verzerrt darstellen, ist eine angemessene Beurteilung für die einzelnen RichterInnen auch sehr schwierig. Inzwischen haben wir uns von Gutachterinnen in ihrer Form der Gesprächsführung schulen lassen, so dass wir auf jeden Fall bzgl. der Sachverhaltsklärung die gleichen Kompetenzen haben. Dies sehen wir als einen Versuch, die Zusammenarbeit mit den Gerichten zum Wohle der missbrauchten Kinder und Jugendlichen möglich zu machen.

 

3.2. Die Bedeutung der Elternarbeit

       Regina Winkler

 

Jede Gewalttat, die gegen ein Kind gerichtet ist, betrifft – in unterschiedlicher Weise – auch dessen Eltern. Aus diesem Grund gehört die Betreuung der Eltern von Anfang an zu den Hauptaufgaben der Beratungsstelle. Die Art der Unterstützung muss in jedem Fall individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse der einzelnen abgestimmt werden und kann sich daher sehr unterschiedlich gestalten. Sie hängt auch davon ab, welcher Anlass die Eltern zu Neue Wege geführt hat.

 

Mütter und Väter, die sich an die Beratungsstelle wenden, weil sie den Verdacht haben – oder es auch schon genau wissen -, dass ihr Kind sexuell missbraucht wurde bzw. noch wird, befinden sich in einem Ausnahmezustand. Das, was sie für ihr eigenes Kind nie geglaubt hätten und was sie um jeden Preis verhindern wollten, ist eingetreten. Deshalb geben wir ihnen Zeit und Raum, um über ihre seelische Erschütterung, ihre Ängste, Schuldgefühle und oft genug tiefe Verzweiflung zu reden und so das Gefühlschaos, das sie durchleben, allmählich neu zu ordnen. Nur wenn die Eltern oder mindestens ein Elternteil stabil bleiben, können die Kinder sich auf den eigenen Schmerz konzentrieren und Kraft zum Heilen finden.

 

Immer geht es auch darum, die Kinder vor weiteren sexuellen Übergriffen schützen zu können. Mit Kindern und Eltern arbeiten wir die Prinzipien der Prävention sexueller Gewalt durch, geben ihnen Auskunft über ihre Rechte und informieren sie darüber, wie Täter vorgehen, um Kinder gefügig zu machen und die Umwelt zu täuschen. "Wissen ist Macht" ist ein zentraler Satz im Kampf gegen sexuelle Gewalt. Wir überlegen mit den Eltern die Möglichkeit, eine Anzeige zu erstatten und was dies für ihr Kind und sie selbst bedeutet. Darüber hinaus ist es uns wichtig, gemeinsam mit den Eltern zu planen, welche Hilfen ihr Kind braucht, um die erlebte Gewalt so gut wie möglich verarbeiten zu können.

 

Wenn die Eltern sich von uns angenommen und verstanden fühlen und die Gespräche als echte Hilfe erleben, können sie die Kraft aufbringen, die sie benötigen, um ihr Kind durch den oft langen und aufreibenden Weg der Verarbeitung zu begleiten und zu unterstützen.

 

Nun haben wir es im Laufe unserer Arbeit immer häufiger auch mit Eltern zu tun, deren Kind selbst sexuell misshandelt hat. Ihre erste Reaktion ist es in der Regel, die Vorwürfe gegen ihr Kind nicht glauben zu können oder zu wollen. Hier bemühen wir uns, ihnen zu helfen, die schreckliche und unvorstellbare Wahrheit anzuerkennen und – so gut es geht – in ihr Leben zu integrieren. Dazu gehört es, den Eltern immer wieder Zeit und Raum zu geben, um über ihre meist massiven Schuld- und Versagensgefühle sowie die ausgeprägten Zukunftsängste zu reden und neue sinnvolle Zukunftsperspektiven sowohl für ihr Kind, als auch für sich selbst zu entwickeln. Dies ist für die Eltern ein Weg – wenn auch ein langer und beschwerlicher – aus der Einsamkeit und Ausweglosigkeit, die sie nach bekannt werden des Missbrauchs erleben, wieder heraus zu finden. Häufig bringen die Kinder und Jugendlichen nur dann selbst die Kraft auf, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen und an sich zu arbeiten, wenn die Eltern die Taten ihres Kindes realisieren.

 

Je besser sich die Eltern von uns unterstützt fühlen, um so leichter können sie ihrerseits ihrem Kind beim psychischen Wachsen und Reifen helfen.

 

Da die Beratungsstelle für alle Formen von Gewalt zuständig ist, die sich gegen Kinder und Jugendliche richtet, beraten wir natürlich auch – allerdings in wesentlich geringerem Maße – Eltern, die ihre Kinder misshandeln. Hier versuchen wir zuerst einmal, gemeinsam mit den Eltern heraus zu finden, wie und warum sie schlagen oder quälen. Da recht häufig Überforderung der Eltern oder nicht ausreichendes Wissen über Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder Ursache der Misshandlungen sind, versuchen wir mit den Eltern Wege zu finden, Überforderungssituationen so gut wie möglich zu vermeiden bzw. anders damit umzugehen als bisher. Darüber hinaus geben wir Informationen über die kindliche Entwicklung sowie damit verbundenen Krisen und zeigen Möglichkeiten auf damit adäquat umzugehen. Dies erhöht in der Regel die pädagogische Kompetenz der Eltern und beugt einer erneuten Ausübung von Gewalt gegen das Kind vor.

 

Viele gewalttätige Eltern sind selbst geprügelt oder gedemütigt worden. Daher gehört es immer auch dazu. Kontakt mit dem inneren leidenden Kind aufzunehmen, um nicht vom eigenen Kind die Erfüllung der damals missachteten kindlichen Bedürfnisse zu erwarten und es für sein Versagen zu bestrafen.

 

 

3.3. Die Schwere der Störungen

 

Wir bekamen Zeit zum Lernen. Zunehmend besser verstanden wir die spezifischen Schwierigkeiten nach sexuellen Gewalterfahrungen. Je mehr wir verstanden, um so mehr bekamen wir zu sehen und zu hören. Es ist beeindruckend, wie Menschen erspüren können, was sie ihrem Gegenüber jeweils zumuten dürfen. Sie suchen sich sehr genau aus, wem sie überhaupt von ihren Gewalterfahrungen erzählen und wie viel sie davon erzählen.

 

Es stimmt, dass nicht alle Kinder schwere Störungen davon tragen. Auch die Forschung bestätigt, dass ein großer Teil der Kinder sexuelle Gewalt ohne langfristige Folgen verarbeiten kann. Das hängt sehr stark davon ab, wie schnell das Kind erzählen konnte und wie die Umwelt dann reagierte. Wenn dem Kind geglaubt wird, es sofortige Parteilichkeit seiner wichtigsten Bezugspersonen erlebt und Maßnahmen zu seinem Schutz eingeleitet werden, dann sind seine Heilungschancen sehr gut. Wenn der Missbrauch aber über Jahre andauert, vor allem wenn er von weiterer körperlicher Gewalt begleitet wird, und das Kind niemanden findet, dem es sich anvertrauen kann und der ihm glaubt, dann können die Konsequenzen verheerend sein. Am schlimmsten ist es für die Kinder, denen man zwar glaubt, aber nicht hilft, sondern ihnen die Schuld gibt und sie weiter dem Täter ausliefert.

 

Alle Opfer von Gewalt schlagen sich zunächst mit dem Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins herum, leiden unter Angst, Ekel, Scham- und Schuldgefühlen und der Einsamkeit des Geheimhaltungsdrucks, misstrauen gerade den Menschen, die ihnen besonders wichtig sind. Je schrecklicher die Gefühle in der Missbrauchssituation sind, um so mehr dissoziieren sie, d.h. sie spalten sich von ihren Gefühlen ab, um die Situation überhaupt aushalten zu können. Diese wichtigste Überlebensstrategie bei unerträglichen Lebenserfahrungen ist Grundlage vieler Symptome, die häufig genug den Erwachsenen später noch Schwierigkeiten bereiten. Und die Jugendlichen und Erwachsenen, die ihre Gefühle nicht abspalten können, versuchen oft, sie durch Suchtmittel, Selbstverletzungen oder riskantes Verhalten zu betäuben und aushaltbar zu machen. Bei sehr schweren seelischen Verletzungen ist es daher für die Betroffenen manchmal nicht mehr möglich, unseren Alltag zu bestreiten, d.h. regelmäßig zur Schule zu gehen, arbeiten zu gehen, stabile Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu halten oder gar Partnerschaften zu leben. Dazu kommen körperliche Beschwerden, angefangen von psychosomatischen Erkrankungen ohne körperlichen Befund bis hin zu schweren somatischen Erkrankungen durch die fortdauernde Übererregung und Überforderung des Immunsystems.

 

Neben der Zerstörung menschlicher Lebensmöglichkeiten hat die sexuelle Gewalt auch enorme finanzielle Konsequenzen. Inzwischen gibt erste Berechnungen der Kosten, die der Gesellschaft durch sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung entstehen: Beratungsstellen, ambulante und teilstationäre Jugend- und Familienhilfe, Heimunterbringung der Kinder, medizinische und psychotherapeutische Behandlung, Kuren, schulische und berufliche Förder- und Eingliederungsmaßnahmen, Sozialhilfe, Arbeitslosengeld und -hilfe, vorzeitige Berentungen. Und trotz der Milliarden, die hier zu Recht und notwendigerweise ausgegeben werden, bleiben für manche Menschen die Lebensmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt.

 

Das Caritas-Jahresthema war im Jahr 2000 die Armut. Armut ist keine Ursache für sexuelle Gewalt, aber oft genug eine der bitteren Folgen für die Opfer. Berufe weit unter der intellektuellen Fähigkeit oder lebenslange Sozialhilfe, bzw. Frührente können die wirtschaftliche Konsequenz der seelischen Verletzung sein. Durch die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen ist es außerdem schwieriger, den Lebensstandard durch Heirat zu verbessern, eine ansonsten ja nicht zu unterschätzende Möglichkeit.

 

Daher bleibt es unerlässliche Pflicht, alle verfügbare Energie und Phantasie in Aufklärung und Vorbeugemaßnahmen zu investieren, oder aber den Kindern, die von sexuellem Missbrauch erzählen, sofort und bedingungslos alle verfügbaren Hilfen zu gewähren. Nur so lassen sich jahrelange Folgekosten für die Betroffenen und die Gesellschaft reduzieren.

 

 

3.4. Kinderpornografie und ritueller Missbrauch

 

Eine besonders brutale Form der sexualisierten Gewalt gegen Kinder ist die kommerzielle Ausbeutung. Die Kinder werden für sexuelle Zwecke verkauft, d.h. noch stärker zum Objekt degradiert. Da die Verkäufer und Käufer sich nicht so gut auf das Schweigen der Kinder verlassen können wie Menschen aus dem nahen Umfeld der Kinder, wird in der Regel zusätzlich zur sexuellen Gewalt mehr körperliche Gewalt bis hin zu dem, was wir gemeinhin als Folter bezeichnen, angewandt. Die Erfahrungen von Ohmacht und Entpersönlichung sind dramatisch. Die Folge sind jahrelange massive psychische Schwierigkeiten verbunden mit extremer Angst vor den TäterInnen.

 

Wir haben inzwischen von verschiedenen Jugendlichen Berichte über eigene Erfahrungen als Opfer von kommerzieller sexueller Ausbeutung. Immer dauerte es Monate oder Jahre, bis die Jugendlichen in Worte fassen konnten, was ihnen angetan wurde. Immer wurde das Erzählen begleitet von Panikzuständen, Alpträumen oder auch körperlichen Schmerzen. Immer ist das, was sie erzählen, so grausam, dass man es am liebsten nicht glauben möchte.

 

Auf einer Fachtagung des Gesundheitsministeriums in Berlin im Februar 2001 wurde vor allem auf die massive Bedrohung der Opfer, aber auch der BeraterInnen und TherapeutInnen hingewiesen, die den kommerziellen Missbrauch begleitet. Hier geht es zum einen um sehr viel Geld und zum andern um höhere Haftstrafen für die Täter. Außerdem liegt meist eine gut organisierte Vernetzung einzelner Tätergruppen vor. Daher spielen Gewalt und Angst bei kommerziellem Missbrauch oft eine noch größere Rolle als bei Missbrauch in nahen Beziehungen. Da auch Eltern ihre Kinder verkaufen, gibt es allerdings große Überschneidungen von kommerziellem Missbrauch zu Missbrauch in nahen Beziehungen.

 

Ritueller Missbrauch, d.h. sexueller Missbrauch im Rahmen von Kult-Handlungen, hat nach unserer Erfahrung immer auch eine kommerzielle Seite. Er unterscheidet sich vor allem dadurch, dass er die perversesten und brutalsten Foltern und Misshandlungen "religiös" überhöht und damit einen zusätzlichen Zwangsrahmen schafft. Gewalt und Hypnose werden sehr systematisch zur Zerstörung der Persönlichkeit eingesetzt. Dadurch sind die Opfer in der Regel nicht zu glaubhaften Aussagen bei Gericht in der Lage und so schwerer vor weiterer Bedrohung zu schützen.

 

Besonders erwähnen möchten wir noch die Bedeutung des Internet. Die Tatsache, dass Informationen, die einmal im world wide web waren, nie mehr sicher gelöscht werden können (weil sie u.U. auf einzelnen Rechnern ruhen und irgendwann wieder eingespeist werden) gibt der sexuellen Ausbeutung eine weitere Schreckensperspektive. „Ich gehe durch die Stadt und weiss nie, wer mich schon im Internet gesehen hat“ (Natalie, 19 J., vom Stiefvater missbraucht, verkauft und im Internet angeboten). Für diese Kinder/ Jugendlichen/ Erwachsenen ist es unglaublich schwer, wieder ein Gefühl für die Würde und die generelle Unantastbarkeit ihres Körpers zu bekommen.

 

Die zehn Jahre Beratung und Therapie haben uns gezeigt, wie notwendig das Angebot einer solchen Beratungsstelle gerade für Opfer schwerster sexualisierter Gewalt ist. Durch das enorme Ausmaß der Gewalt ist die Angst zu reden so groß, dass die Opfer Monate und Jahre brauchen, in denen das, was wir normalerweise Therapie nennen, gar nicht möglich ist. Sie brauchen Beratung und Begleitung, um überhaupt ihr alltägliches Leben einigermaßen gestalten zu können. Erst wenn sie darin sicher sind, wagen sie ganz langsam zu erzählen und sich mit ihren Erinnerungen auseinanderzusetzen. Nur in Beratungsstellen besteht die Möglichkeit, einen solchen Prozess ohne ständige Gutachten und Stundenlimitierung, wie sie im Rahmen der medizinischen Versorgung notwendig sind, zu gestalten. Daher bieten sie ein unverzichtbares Angebot für schwer traumatisierte Menschen.

 

 

3.5. Minderjährige Täter und Täterinnen

 

Während die bisher genannten Herausforderungen zwar nicht alle vorhersehbar waren, so haben sie doch mit unserer ursprünglichen Aufgabenstellung zu tun, nämlich den Opfern sexueller Gewalt und ihren Angehörigen zu helfen. Sehr schnell tat sich aber ein Problem auf, mit dem wir nicht gerechnet hatten: es gab auch Kinder und Jugendliche, die selber sexuell missbrauchten. In den ersten Jahren wurden sie abgewiesen, um den Opfern eine sogenannten "täterfreien" Raum zu sichern. Aber in den meisten Fällen bestand der Verdacht, dass die Täter zuvor selbst Opfer sexueller Gewalt gewesen seien. Hilfe nur für Opfer, die immer Opfer bleiben? Schließlich ließen wir uns darauf ein, einzelne Kinder in Therapie zu nehmen, allerdings ohne so recht zu wissen, wie. Je ernsthafter wir uns jedoch dieses Problem ansahen, um so klarer wurde das Ausmaß der sexuellen Gewalt unter Kindern.

 

Dieses Thema war nicht so nebenher zu bearbeiten. Wir entwickelten eine Konzeption für eine sinnvolle und erfolgversprechende Therapie und kämpften dann für die Finanzierung unserer Konzeption. Da sich inzwischen daraus ein relativ eigenständiger Arbeitsbereich entwickelt hat, informieren wir weiter unten genauer über das Projekt "Ambulante Rückfallvorbeugung bei Kindern, die sexuell misshandeln".

 

Ziel dieser Arbeit war und ist es, weitere Opfer zu verhindern (Primärprävention) und den jeweiligen Opfern die Chance einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Tätern zu bieten, um zu begreifen, was tatsächlich geschehen. Vor allem aber gilt es, den jungen Misshandlern und Misshandlerinnen eine Chance zu bieten, eine Leben ohne Verletzung, Zerstörung und dauernden Geheimhaltungsdruck zu führen, fähig, eigene Bedürfnisse zu befriedigen und Krisen zu meistern, ohne andere dabei leiden zu lassen.

 

 

4. Ambulante Rückfallvorbeugung für Minderjährige, die sexuelle

    Gewalt ausüben.

     (Werner Meyer-Deters, Projektleiter)

 

Die ambulante Rückfallvorbeugung für Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt ausüben geht am 1.11.2001 nach zweijähriger durch das Land geförderter Projektzeit in die Verlängerung über weitere zwei Jahre. Dabei war der Start 1997 zunächst ein Test, den wir mit dem vor 4 Jahren in aller Munde geführten "Elchtest" (Mercedes A-Klasse) verglichen. Nach jeder Hürde tat sich eine neue Schikane auf. Mittlerweile hat die Stadt Bochum uns eine halbe Stelle für diese Arbeit zur Verfügung gestellt, richten zwei Bochumer Kinderheime spezialisierte Gruppen für Jungen ein und das Ministerium für Frauen, Familie, Jugend und Gesundheit hat landesweit fünf vergleichbare Projekte bewilligt und wissenschaftliche Begleitforschung in Auftrag gegeben. So wie die A-Klasse ihre Elchtests schließlich bestanden hat, konnten auch wir mit unserer Konzeption überzeugen.

 

 

Wie alles anfing

 

Wir sahen uns 1997/98 vor folgender Herausforderung:

Immer wieder wurde in der Opferhilfe der Beratungsstelle deutlich, dass Minderjährige (Brüder, Cousins, Nachbarjungen und Mitschüler) Täter waren. Gelegentlich erfuhren wir auch von Mädchen, die sexuell missbrauchten. Die Statistik des Bundeskriminalamtes aus dem Jahre 1996 zeigte, dass 10,9 Prozent aller Tatverdächtigen beim Delikt sexueller Missbrauch von Kindern, bei Vergewaltigungen 8 Prozent, sexuellen Nötigungen 18 Prozent und 5,9 Prozent der Exhibitionisten unter 18 Jahre waren. Auch diese Minderjährigen hatten Anspruch auf Jugendhilfe, nur gab es kaum Angebote, die wirklich auf diese Problematik eingingen.

 

Da viele junge Täter selbst einmal Opfer waren und viele Opfer nicht nur Rachegedanken hegen, sondern für ihre Brüder, Freunde... letztlich auch eine gute Entwicklung wünschen, konzipierten wir eine Behandlung in Ergänzung zur Hilfe für Opfer und ihre Angehörigen.

 

Die Fragen bei der "Entwicklungsarbeit" waren:

     Ist unsere Auffassung richtig, dass der Bedarf dieses ergänzende Angebot der Jugendhilfe rechtfertigt?

     Ist es in der Praxis sinnvoll und erfolgversprechend, die englischen und niederländischen Erfahrungen aus der ambulanten Behandlung von Sexualstraftätern bei der Arbeit mit minderjährigen Tätern zu Grunde zu legen und zu einem eigenen, funktionierenden Konzept weiter zu entwickeln?

     Nehmen die Betroffen und ihre Sorgeberechtigten unser Hilfeangebot überhaupt an und akzeptieren es die etablierten Partner der Jugendhilfe?

     Nicht zuletzt: Bekommt der Caritasverband für Bochum e.V. öffentliche Mittel für dieses Angebot?

 

Mit der Zusage für die befristete Übernahme von 10 Honorarstunden pro Woche durch das Jugendamt der Stadt Bochum starteten wir die Arbeit und begannen im Oktober 1997 mit einem Gruppenangebot für unter 14-jährige. Wir eröffneten die Gruppe mit nur 2 Jungen. Zugleich machten wir unser Jugendhilfeangebot auf Fachtagungen und in der regionalen Jugendhilfe auf Informationsveranstaltungen bekannt. Mitarbeiter qualifizierten sich für die spezielle Aufgabe weiter und hospitierten in Holland. Wir suchten den Fachaustausch auf nationaler und internationaler Ebene. Und langsam wuchs die Zahl der Anfragen, Jugendhilfeträger innerhalb und außerhalb Bochums meldeten Bedarf an.

 

 

Startprobleme

 

Die größten Probleme am Anfang waren die Bagatellisierung ("Das sind pubertäre Experimente!", "Das wächst sich schon aus") und die Leugnung ("Minderjährige, die vergewaltigen? Gibt es denn das?" "Kein ernsthafter Bedarf"), obwohl in der Zeit Sexualmorde die Presse beherrschten, und alle Sexualmörder als Jugendliche angefangen hatten zu missbrauchen. Bei Eltern, JugendhilfemitarbeiterInnen, ÄrztInnen und JuristInnen fanden wir die gleichen Abwehrstrategien wie sie auch jeder Täter entwickeln muss, um mit seinen Taten leben zu können.

 

Sicher können wir auch heute nicht alle der uns bekannten minderjährigen Täter und ihre Erziehungsberechtigten motivieren, das Vorgefallene ernst und Hilfe anzunehmen. Das Problem wird uns begleiten und bleibt eine ständige Herausforderung. Andererseits suchten Eltern sogar per Zeitungsanzeige verzweifelt nach Hilfe für ihren Sohn, der seine Schwestern sexuell missbraucht hatte.

 

Mit Engagement, sehr wenig Geld und der Rückendeckung des überzeugten Trägers, für den Opferhilfe und Täterarbeit zwei Seiten der "Medaille sexuelle Gewalt" sind, begannen wir die Arbeit mit den Jungen unter provisorischen Bedingungen, wortwörtlich im Keller der Beratungsstelle. Parallel liefen wiederholt Kostenübernahmeanträge an Stadt, Land und europäische Union und immer wieder neu suchten wir das Gespräch mit potentiellen Kostenträgern, - mit langem Atem, ungeduldig und zuversichtlich. Die Beratungsstelle "opferte" für das neue Projekt 3 Jahre lang eine halbe Stelle und das ganze Team zog an einem Strang. Mit einem Zuschuß der Stadt und den Einnahmen aus fallbezogenen Abrechnungen, wurden zusätzliche Honorarstunden finanziert. Aber erst mit Beginn der Landesfinanzierung konnten wir die Arbeit stabilisieren, getrennte Räumlichkeiten anmieten und das Angebot auf strafmündige Minderjährige ausweiten, die heute die Mehrheit der Nachfragen stellen.

 

 

Die Herausforderung

 

Wie gravierend das Ausmaß der sexuellen Gewalt durch Kinder und Jugendliche ist, macht folgende Übersicht über Taten und Opfer der im Jahre 2000 behandelten Täter deutlich:

 

Die 75 minderjährigen Täter schädigten 143 Kinder, die zwischen 2 und 16 Jahre alt waren. Die jüngeren Opfer waren vorwiegend Geschwister. Verwandte waren 56 Opferkinder. 58 waren gut bekannte Kinder aus dem weiteren sozialen Umfeld. Und nur 16 waren recht fremde Kinder. Der Rest der Opferkinder ist nicht klar zuzuordnen.

 

Nur bei 13 der Täter ging es um einmalige sexuelle Übergriffe; 22 von ihnen hatten ihre Opfer bereits länger als ein Jahr sexuell missbraucht. 10 Minderjährige missbrauchten ihre Opfer öfter als 50 mal.

 

25 von ihnen versuchten oder vollendeten eine vaginale oder anale Vergewaltigung oder zwangen das Opfer dazu, sie oral zu befriedigen. 31 Täter berührten das Opfer an den Genitalien oder ließen sich anfassen, masturbierten vor dem Opfer und zwangen das Opfer, sich zu entblößen. 19 von ihnen missbrauchten mit geringerer Intensität oder exhibitionierten sich.

 

Diese Minderjährigen sind wie die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs eine Herausforderung für die Jugendhilfe. Auch sie brauchen unsere Aufmerksamkeit und Hilfe. Nicht nur, weil viele nach allen Erfahrungen wiederholt sexuelle Gewalt ausüben werden und neue Opfer "produzieren", sondern um ihrer selbst willen. Sie können lernen, ihre ihrem Verhalten zu Grunde liegenden Krisen und Probleme angemessen zu bewältigen, sozial verträgliche Normen und Werte zu verinnerlichen und - vor allem - ihre Bedürfnisse angemessen zu befriedigen, damit sie die Chance für ein erfülltes Leben in respekt- und achtungsvollem Miteinander haben.

 

 

Entwicklung und Veränderungen

 

Die dynamische Entwicklung des Bedarfs zeigen folgende Anmeldezahlen minderjähriger Täter und Täterinnen:

 

1998:                                                  23 Anmeldungen

1999:                                                  41 Anmeldungen

2000:                                                  75 Anmeldungen

 

Von den 75 Im Jahre 2000 angefragten und vorgestellten minderjährigen Tätern konnten 24 übernommen werden. Weitere 22 mußten nach den Erstkontakten weiterverwiesen werden, und bei 8 Jungen zeigte sich, dass ein ambulantes Angebot nicht ausreicht. Zwei Jungen sind nach unserer Kenntnis rückfällig erworben. Zur Zeit arbeiten wir mit etwa 20 minderjährigen Tätern.

 

Natürlich führte die zunehmende Erfahrung auch zu Veränderungen der Konzeption: "Learning by doing". Fünf wesentliche Aspekte greifen wir zum besseren Verständnis heraus:

 

     Wir hatten vor allem therapeutische Hilfe für die Täter und ihre Angehörigen vorgesehen. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass das ambulante Hilfeangebot sehr stark eine Beratungs-, Klärungs- und Vermittungsaufgabe und weitgehend eine Schlüsselstellung zur Entscheidung über die angemessene Intervention gegenüber minderjährigen sexuellen Misshandlern hat. Diese Klärungsaufgabe ist gleichberechtigt neben der pädagogischen und therapeutischen Hilfe für die Betroffenen und zugleich die Voraussetzung dafür und benötigt entsprechend viel Zeit.

 

     Ein hoher Beratungs- und Kooperationsbedarf auf Helferebene ist erforderlich, unabhängig von der Arbeit mit dem jungen Täter und seinen Erziehungsberechtigten. Die Abstimmung mit den Personen und Institutionen der Opfer ist unter anderem nötig, um die Sicherheit vor Wiederholungstaten zu gewährleisten. Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern, gegebenenfalls den Gerichten und anderen Institutionen bettet die Arbeit mit den Tätern ein in die umfassende Hilfe für Opfer, deren Eltern und weitere Bezugspersonen.

 

     Die Arbeit mit den Eltern der jungen Missbraucher erfordert viel Aufmerksamkeit und ist absolut unverzichtbar. Zum einen, um sie unter Umständen zu überzeugen, dass wir ein notwendiges und sinnvolles Hilfeangebot für ihren Sohn und sie selbst anbieten. Wenn die Sorgeberechtigten nicht überzeugt werden, dann wird der minderjährige Täter nicht zu motivieren sein, solange er von seinen Eltern abhängig ist. Zum anderen, um den Eltern viel Unterstützung zu geben. Besonders, wenn ihr Sohn die eigenen jüngeren Geschwister sexuell missbraucht hat, sind die Eltern extrem belastet und innerlich zwischen ihren Kindern zerrissen. Regelmäßige Elterntreffen und Familiengespräche gewährleisten, dass die Mütter und Väter einen Raum haben, in dem sie überhaupt sicher sein können, um offen über ihre Nöte und Probleme zu sprechen und ihre Isolation zu durchbrechen.

 

     Die passgenaue Hilfe für den einzelnen Minderjährigen setzt eine aufwendige individuelle Diagnostik voraus. Dazu wurden psychologische Testreihen zusammengestellt und eigens entwickelt. Von großer Bedeutung war hier, dass im Rahmen einer Diplomarbeit eine wissenschaftliche Untersuchung über die Merkmale sexuell schädigender Kinder und Jugendlicher von einem späteren Mitarbeiter durchgeführt wurde. So umfasst die Diagnostik eine ausführliche Testuntersuchung, die Erhebung der Vorgeschichte des Minderjährigen, seiner aktuellen Lebenssituation, seiner Ressourcen und Probleme, die Klärung seiner Haltung zu seinem sexualisert gewalttätigen Verhalten und die Analyse des Deliktszenariums. Erst die Zusammenschau gibt Aufschluß darüber, ob eine ambulante Hilfe überhaupt möglich und verantwortbar ist.

 

     Kinder, die ihre Geschwister sexuell missbrauchen und minderjährige Täter, die im Elternhaus körperlich misshandelt, missachtet, vernachlässigt oder gar sexuell missbraucht werden, bzw. in einer inzestuösen Familie leben, müssen mindestens vorübergehend ausziehen, also fremd untergebracht werden. Das traf insgesamt auf etwa 30 der minderjährigen Täter in den zurückliegenden Jahren zu. Dazu brauchte NeueWege kooperierende Einrichtungen der stationären Jugendhilfe, da diese Jungen (und Mädchen) nicht einfach in gemischten Gruppen unterbracht werden können. Im Dezember 2001 startet die erste Jungenwohngruppe, die speziell auch für diese Jungen konzipiert ist.

 

Alle diese Punkte beanspruchen deutlich mehr Zeit als am Anfang geplant und erfordern eine immer neue Strukturierung ung Organisation der Arbeit und eine ständige Überprüfung der Prioritätensetzung.

 

Wesentliche Inhalte aus der Arbeit mit den Jungen seien hier kurz angeschnitten: Ihr Fühlen, Denken, ihre Phantasien und ihr Verhalten, ihre Selbstrechtfertigungen sind zentrale Themen. Sie begreifen zunehmend, dass sie Schritt für Schritt die Wahl getroffen hatten, sexuell zu missbrauchen. Sie lernen, welche Schädigungen sie zugefügt haben und welches Leid sie verursacht haben. Sie setzen sich mit den negativen Folgen für sich selbst auseinander. Sie erkennen, welche Signale anzeigten, dass sie den sexuellen Missbrauch vorbereiteten und üben Verhaltensalternativen ein.

 

 

Das Zwischenergebnis

 

Die Täterarbeit findet in getrennten Räumen statt. Die Anmeldezahlen sind beständig gestiegen. Die ersten Jungen sind mit guter Prognose entlassen worden, einer wurde während der Behandlung, einer danach rückfällig. Die Behandlung dauert in der Regel ein bis zwei Jahre.

 

Die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen der Jugendhilfe wird immer besser. Spezialisierte Wohngruppen sind im Entstehen. Die Gerichte sehen zunehmend eine Chance in unserer Arbeit und machen den jungen Tätern eine Therapieauflage. Und in diesem Umfeld gelingt es auch leichter, Eltern unsere Arbeit als Hilfeangebot und nicht als Druck- oder Strafmaßnahme deutlich zu machen. Mit dem Beginn der neuen Projekte im Land wird die allgemeine Versorgung flächendeckender und damit hoffentlich der Anmeldedruck bei uns etwas geringer.

 

Insgesamt machen uns sowohl die konkreten Erfahrungen in der Arbeit mit den jungen Tätern und Täterinnen und ihren Eltern als auch die wachsende Akzeptanz in der Jugendhilfe und bei Gericht Mut, uns weiter mit Energie und Phantasie für diese Kinder und Jugendlichen zu engagieren.

 

 

4. Politische Arbeit/ Vernetzung

 

4.1. Wissenschaftlicher Beirat

 

Schon den Gründern der Beratungsstelle war klar, dass diese Arbeit nicht ohne fachlich wissenschaftliche, aber auch politische Begleitung möglich ist. So wurde sofort ein Beirat installiert, in dem neben den beteiligten Institutionen Caritas, Jugendamt und Kinderklinik das Gericht, die Ruhr-Universität und die evangelische Fachhochschule, sowie die politischen Parteien vertreten sind. Dieser Beirat trifft sich einmal im Jahr, informiert sich über die Arbeit der Beratungsstelle und unterstützt sie aus der jeweiligen Perspektive. Universität und Fachhochschule schicken StudentInnen zu Praktika und lassen unsere Arbeit im Rahmen von Diplomarbeiten untersuchen. Dadurch bekommen wir die notwendige wissenschaftliche Begleitung und Auseinandersetzung. Die Richterin erleichtert die Kommunikation mit dem Gericht und bringt Überlegungen unserer Arbeit in die dortige Arbeit ein. Es ist ihr Werk, dass ein Zeugenwarteraum abseits von den großen Wartefluren eingerichtet wurde, um Kindern die unbeaufsichtigte Konfrontation mit Freunden und Verwandten des Beschuldigten zu ersparen und so weitere Einschüchterungen zu verhindern.

 

Die PolitikerInnen bringen unsere Themen in die politische Diskussion. Dadurch halten sie den Stellenwert der Arbeit hoch und helfen letztlich mit, Neuerungen durchzusetzen. Die Umsetzung der Arbeit mit den minderjährigen Tätern wäre ohne den Einsatz unseres damaligen Beiratsmitgliedes Frau Birgit Fischer sicher sehr viel schwerer zu erreichen gewesen.

 

An dieser Stelle möchten wir daher allen ehemaligen und aktuellen Beiratsmitgliedern noch einmal von Herzen für ihre Arbeit und die damit verbundene Unterstützung unserer Arbeit danken!

 

 

4.2. Öffentlichkeitsarbeit

 

Öffentlichkeitsarbeit ist eine Form der Prävention. Nur wenn Menschen über sexuellen Missbrauch sachlich informiert sind, können sie etwas bemerken und bei Verdacht angemessen reagieren. Sexueller Missbrauch ist kein wirkliches Tabu-Thema mehr. Man kann kaum in Ruhe einen Krimi gucken, bei dem es bei der Auflösung nicht doch wieder um sexuelle Gewalt geht. Aber die allgemeine Information ist eher emotional und rückt den Missbrauch weit weg, ins Fernsehen, zu den anderen. Unser Anliegen ist es, anhand unserer Erfahrungen und der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu informieren. Menschen, die unter sexueller Gewalt gelitten haben, leben nicht irgendwo, sondern in der Nachbarschaft, im Verein, in Kindergarten, Schule und Betrieb, in der Familie. Sexueller Missbrauch ist nahe.

 

Wir gestalten die Öffentlichkeitsarbeit sehr unterschiedlich.

·        Die allgemeinste Form sind die Informationsstände, die wir auf verschiedenen Veranstaltungen aufbauen. Dort informieren wir über die Existenz und das Angebot der Beratungsstelle und anhand von Büchern und Spielzeug über Möglichkeiten der Prävention.

·        Spezifischere Information ist auf Elternabenden und bei Unterrichtsbeteiligungen möglich. Neben einem Fachvortrag bieten diese etwa zweistündigen Veranstaltungen immer auch die Möglichkeit zum Gespräch über die konkreten Fragenstellungen der Anwesenden.

·        Die ausführlichste Information ist bei Weiterbildungen für LehrerInnen, ErzieherInnen und andere psychosoziale Fachleute möglich. Solche Weiterbildungen bieten wir auf Nachfrage und gegen Bezahlung an.

·        Neben diesen direkten Informationen nehmen wir auch gerne die Angebote der Presse an, über die Beratungsstelle allgemein oder aber spezielle Fragestellungen zum sexuellen Missbrauch zu berichten.

Unser Ziel ist es, so regelmäßig in der Öffentlichkeit zu erscheinen, dass Neue Wege für immer mehr Menschen ein Begriff und als erste Anlaufstelle bei Fragen zu sexuellem Missbrauch selbstverständlich wird.

 

 

4.3. Fachtagungen

 

Neben der Öffentlichkeitsarbeit organisieren wir Fachtagungen zu aktuellen Themen, häufig in Kooperation mit anderen Institutionen. Die Themenauswahl erfolgt anhand der Fragestellungen, die sich bei unserer Arbeit ergeben.

 

1997                              Ein Jugendhilfeangebot für minderjährige sexuelle Misshandler

1998                              Gemeinsam mit der VHS

Lieber gewalttätig als unmännlich – Zur Notwendigkeit, ein Hilfeangebot für gewalttätige Männer zu entwickeln

Beteiligung an der Fachtagung der Berufsgruppe:

Die Suche nach der Wahrheit? – Diagnostik nach sexuellem Missbrauch

1999                              gemeinsam mit neuLand und den dazugehörigen Berufs- und Arbeitsgruppen:

Kinderpornografie im Internet

2000            Geschlechtsspezifsche Hilfe für Jungen und Männer, die sexuell misshandeln

2001     Gemeinsam mit der VHS und der Berufsgruppe:

Sexueller Missbrauch in Institutionen

Beteiligung am Fachtag der Berufsgruppe:

Kindliche ZeugInnen vor Gericht

                        Auf Einladung des Landesministeriums für Frauen, Familie Jugend und Gesundheit:

                        Ambulante Rückfallvorbeugung für Minderjährige, die sexuelle Gewalt ausüben

 

Ziel dieser Fachtagungen war es, die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Wissensstand in Bochum voranzutreiben, gleichzeitig aber auch ein Kennenlernen der Fachleute verschiedener Professionen vor Ort zu ermöglichen und ein Forum zu bieten, die jeweiligen Standpunkte deutlich zu machen und auszutauschen. Neben allen informellen Begegnungen sind die Gründung des Arbeitskreises nach §78 KJHG „Gegen sexualisierte Gewalt“ und die aktuelle Diskussion mit dem Landgericht um Zeugenbegleitung sicher die deutlichsten Ergebnisse unserer Bemühungen.

 

4.4. Arbeitskreise

 

Aus dem bisher Dargestellten wird sicher deutlich, wie wichtig es ist, sich an Arbeitskreisen aktiv zu beteiligen. Nur die fallunabhängige Kooperation macht es möglich, dann auch fallbezogen schnell und ohne größere Reibungsverluste miteinander zu arbeiten. Auch wenn in Arbeitskreisen in der Regel Kaffee oder Tee getrunken wird, so ist das keineswegs ihr tieferer Sinn.

 

Neue Wege beteiligt sich regelmäßig an folgenden Arbeitskreisen und Organisationen:

·        Arbeitsgemeinschaft ärztlicher Beratungsstellen

Landesweiter Zusammenschluss aller ärztlichen Beratungsstellen gegen Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch von Kindern, Mitgliederversammlung einmal im Jahr

·        Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt (§78 KJHG)

Monatliche Treffen im Land- und Amtsgerichtsbezirk Bochum unter Beteiligung der Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch, Beratungsstellen, Jugendamt, Jugendhilfeeinrichtungen, Kriminalpolizei, Rechtsanwältinnen, Staatsanwaltschaft und Richterinnen

·        Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen

Monatliche Treffen von Fachfrauen aus verschiedenen psychosozialen und medizinischen Einrichtungen sowie der Kriminalpolizei, seit 12 Jahren aktiv in Öffentlichkeitsarbeit, Prävention und politischer Lobbyarbeit

·        Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und –vernachlässigung

Mitgliederversammlung einmal im Jahr, meist im Zusammenhang mit einem Kongress

·        Ökumenisches Treffen der kirchlichen Beratungsdienste

Treffen der MitarbeiterInnen aus katholischen und evangelischen Beratungsstellen zweimal im Jahr zum Austausch über die aktuellen Probleme

·        Regionales Treffen der Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch

Treffen der MitarbeiterInnen der Fachberatungsstellen aus Bochum und den Nachbarstädten zweimal im Jahr zur Arbeit an Kriterien für Qualitätsstandards und aktuellen Problemen.

 

Darüber hinaus werden themenspezifische befristete Arbeitskreise eingerichtet, wie z.B. der Caritas-Arbeitskreis zur Arbeit mit sexuell gewalttätigen Männern, der in der Eröffnung der Beratungsstelle für Sexualstraftäter neuLand mündete.

 

Gerade innerhalb der Caritas bieten sich viele Möglichkeiten zur fachspezifischen Ergänzung der eigenen Arbeit durch die verschiedenen Fachdienste wie Erziehungsberatungsstellen, Suchtberatung, Migrationshilfe, Frauenhaus oder auch Freizeitprogramme für Kinder und Familien.

 

 

Gerade innerhalb der Caritas bieten sich viele Möglichkeiten zur fachspezifischen Ergänzung der eigenen Arbeit durch die verschiedenen Fachdienste wie Erziehungsberatungsstellen, Suchtberatung, Migrationshilfe, Frauenhaus oder auch Freizeitprogramme für Kinder und Familien.

 

 

4.5. Verbesserung des Hilfeangebotes in Bochum:

 

Im Nachfolgenden möchte ich noch ein paar Früchte der Arbeit in Arbeitskreisen, auf Fachtagungen und den bisher noch nicht erwähnten Gesprächen mit den politisch Verantwortlichen nennen, die deutlich machen, wie wichtig diese Arbeit ist:

 

·        Mädchen Wohn- und Aufnahmegruppe

Mit der ersten Fachtagung 1993 wies die Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch öffentlich auf die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Versorgung für Mädchen, die sexuell missbraucht wurden, hin. Die Presse griff das Thema auf und es folgten mehrere Gespräche mit dem Kinder- und Jugendheim Overdyck und dem Jugendamt der Stadt Bochum bis 1995 die erste Mädchen Wohn- und Aufnahmegruppe für Bochum eröffnet wurde. Diese Möglichkeit für Mädchen, ohne ständige Auseinandersetzung und teilweise Bedrohung durch Jungen ihren Weg zu finden, ist inzwischen so gut angenommen, dass die Aufnahmegruppe abgetrennt und als eigenständige Einrichtung geführt wird. So werden die Mädchen der Wohngruppe nicht mehr durch ständig neue Mädchen und damit verbundene aktuelle Krisen irritiert und in ihrer eigenen Entwicklung behindert.

 

·        NeuLand – Kontakt- und Präventionsstelle gegen sexuelle Gewalt

Die Frage „Wohin mit den Tätern?“ führte 1997 zur Gründung eines caritasinternen Arbeitskreises, an dem sich Mitarbeiter von Neue Wege, der Gefangenenhilfe des SKM, der Suchtberatung und der Erziehungsberatungsstelle beteiligten. Gemeinsam wurden erste Konzeptionen erarbeitet, wobei es zunächst immer um Minderjährige und Erwachsene ging. Die Ausschreibung des Justizministeriums sorgte schließlich dafür, dass wir die Arbeit konzeptionell trennten und den Antrag auf eine Erwachsenenberatungsstelle stellten. Seit 1998 arbeitet neuLand auf Projektbasis. Die endgültige Finanzierung ist noch offen.

 

Neue Wege hat 1999 vom Ministerium für Frauen, Familie, Jugend und Gesundheit das Projekt für die Arbeit mit den Minderjährigen bewilligt bekommen.

 

·        Wohngruppen für Jungen

Der ständige Austausch im täglichen Arbeitsprozess, auf Fachtagungen, in Arbeitskreisen und schließlich in politischen Gesprächen führte 2001 dazu, dass zwei Heime spezielle Wohngruppen für Jungen anbieten, in denen auch sexuell gewalttätige Jungen aufgenommen und angemessen betreut und gefördert werden können, ohne die Sicherheit anderer Kinder zu beeinträchtigen.

 

·        Geplant: Zeugenbegleitung in Strafverfahren

Zur Zeit arbeitet der Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt gemeinsam mit den Gerichten und der Staatsanwaltschaft an einer Institutionalisierung der Zeugenbegleitung bei Opfern sexueller Gewalt, die ansonsten im Strafrecht nur den Status von einfachen ZeugInnen haben.

 

Internationale Vernetzung

In zwei Bereichen beteiligt sich Neue Wege aktiv an der internationalen Zusammenarbeit.

·        ESSAY ist die europäische Vereinigung zur Arbeit mit minderjährigen sexuellen Misshandlern. Da dieses Arbeitsgebiet noch sehr neu ist, gibt es bislang wenig fundiertes Wissen über Diagnostik, Therapie und Prognosen. Wir stimmen unsere Diagnostik mit den WissenschaftlerInnen von ESSAY ab und beteiligen uns am regelmäßigen Fachaustausch.

·        „Den Kindern von Tschernobyl“ heißt ein Verein, der es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, in den Ländern des früheren Ostblocks, besonders in Weißrussland, die dortige Arbeit gegen sexuellen Missbrauch und Menschenhandel zu unterstützen. Wir beteiligen uns an dieser Arbeit, indem wir weißrussischen Fachfrauen die Möglichkeit zur Hospitation in unserer Beratungsstelle bieten und selbst Weiterbildung in Weißrussland anbieten. Finanziert wird diese Arbeit durch die evangelische Landeskirche.

 

 

5. Hilfen von außen

 

5.1. Freiwillige Hilfe oder Ehrenamt

Das Wort Ehrenamt ist unmodern geworden. Es gibt kein Wort mehr für das, wofür Menschen arbeiten, wenn sie es kostenlos tun und freiwillig. Bei uns sagen die meisten HelferInnen, dass sexueller Missbrauch von Kindern sie entsetzt und sie ihren Teil dazu beitragen wollen, missbrauchten Kindern zu helfen. Direkt den Kindern kann man im Rahmen der Beratungsstelle aus verschiedenen juristischen Gründen nicht helfen, aber indirekt. So bekamen wir z.B. professionelle und erfahrungstrainierte Hilfe bei der Gestaltung unserer homepage, die es Hilfesuchenden erleichtern soll, unser Angebot zu finden. Vor allem Jugendlichen soll die Möglichkeit geboten werden, sich auch in der Anonymität der Internets an uns zu wenden. Und in der Bistumsaktion "Power im Pott" gestalteten Jugendliche Plakate für Jugendliche. Der Aufbau einer Adress-Datenbank und noch viel mehr das Statistikprogramm waren nur mit freiwilliger Hilfe möglich.

 

5.2. Spenden

Der größte Anteil an Hilfe aus der Bevölkerung kommt über Spenden. Das sind kleine und große Einzelspenden, meist von Privatpersonen, aber auch von Stiftungen. Häufig sind es Sammelspenden aus unterschiedlichsten Aktionen. Menschen sammeln an Stelle von Geburtstags- oder Hochzeitsgeschenken für unsere Beratungsstelle. Sportturniere, Vereins- und Betriebsfeste und verschiedene Formen der Öffentlichkeitsarbeit großer Betriebe werden finanziell zu unseren Gunsten durchgeführt. Zu diesen Geldspenden kommen immer mal wieder auch Sachspenden, die uns helfen, den Etat für andere Aufgaben frei zu halten.

 

Nur durch diese Spenden sind wir in der Lage, das therapeutische Spielmaterial regelmäßig zu erneuern und zu erweitern und darüber hinaus kostenintensive Anschaffungen durchzuführen, wie Computer, Video- und Mikrofonanlagen mit guter akustischer Aufnahme, psychologische Tests, neue Aktenschränke u.ä. Auch Präventionsarbeit geht nur mit Spendenhilfe, sei es durch Material für die Öffentlichkeitsarbeit, Übernahme von Porto- und Druckkosten oder speziell für Kinder und Jugendliche entworfene Informationen, die wir dann anschaffen und kostenlos weitergeben können.

 

Wir haben in den vergangenen 10 Jahren immer auf die Unterstützung der Bochumer Bevölkerung vertrauen dürfen und hoffen sehr, dass das auch für die Zukunft so gilt.

 

Allen freiwilligen Helfern und Helferinnen, sei es durch Tat oder Geld, danken wir im Namen der Kinder und Jugendlichen, für die wir das Geld letztendlich einsetzen, von ganzem Herzen.

 

 

Ausblick

 

Das dringendste Ziel für das kommende Jahr sind neue Räume. Wir sitzen jetzt mit fünf BeraterInnen in drei Räumen und uns fehlen unverändert ein abgeschlossener Wartebereich und ein Gruppenraum. So frisst die Organisation der Arbeitsmöglichkeiten in den einzelnen Räumen zu viel Zeit und der Schutz der Intimität der KlientInnen ist nicht ausreichend gewährleistet. Die so notwendige Gruppenarbeit mit Eltern und Jugendlichen ist nicht möglich.

 

Für die Täterarbeit teilen wir uns die Räume mit neuLand. Das bedeutet, dass wir dort ein Büro haben, in dem die Sekretärin und drei BeraterInnen ihre Arbeitsstunden abstimmen müssen. Dazu können wir den Gruppenraum nutzen, den wir aber mit neuLand teilen und die Termine entsprechend jonglieren müssen. Auch diese Situation ist nicht haltbar, wenn beide Projekte jetzt verlängert werden (die Zusage für Neue Wege liegt schon vor).

 

Inhaltlich wollen wir für Jungen, die Opfer sexueller Gewalt waren, einen neuen Schwerpunkt setzen, weil sie durch die personelle Situation der letzten Jahre besonders benachteiligt waren. Unverändert fehlen Konzepte, jugendlichen Jungen eine Hilfe anzubieten, die sie mit ihrer Männlichkeit vereinbaren und annehmen können.

 

Wenn die personellen und räumlichen Kapazitäten es zulassen, werden wir die Elternarbeit wieder als Gruppenarbeit installieren.

 

Alle MitarbeiterInnen sind in beständiger Weiterbildung, um entsprechend dem jeweiligen Wissensstand handeln zu können.

 

 

Für das Team der Beratungsstelle

Monika Bormann

(Leiterin)